Das ist uns aufgefallen



Ferngesteuert im Klangraum

Die Geräuschbeschallung bekommt eine neue Qualität. In Städten sollen Geräusche und Klänge Menschenströme leiten, vor Gefahren warnen und zum Kauf animieren. Das Konzept der "Geräuschlogos" entstand in der Automobilindustrie, die mit Corporate-Sound-Konzepten arbeitet.

Die Pariser Verkehrsbetriebe wollen "die Verkehrsströme steuern, indem man dem Gehör der Fahrgäste schmeichelt". Grillengezirpe von unten warnt vor Stufen. Unter Pariser Parkbänken sind kleine Lautsprecher angebracht, aus denen "in verschiedenen Sprachen geflüsterte Liebesbotschaften dringen". VW ließ in einem Stockholmer U-Bahnaufgang die Treppen beim betreten einzelner Stufen erklingen (Piano-Treppe), damit die Passanten die energiezehrenden Rolltreppen meiden sollten… und als nächstes VWs kaufen. In den USA und Großbritannien laufen in McDonaldsfilialen die neuesten Hits, während vor der Tür künstliche Moskitogeräusche ertönen: nicht vor der Tür rumlungern, sondern reinkommen und konsumieren, ist die Botschaft. (Der Sound der Städte : Akustikdesigner erfinden Geräusche für den öffentlichen Raum. Juliette Volcier in: Le monde diplomatique, dt. Ausgabe, Oktober 2013).

Gegen solche Techniken kommt man mit dem Argument der Lärmbelastung nicht an. Im Gegenteil: ein niedriger Geräuschpegel ist Voraussetzung für das Konzept. Dennoch könnte die akustische Usurpation des öffentlichen Raums zum Horror werden. Gegen die schwer identifizierbare und auf das Unbewusste zielende Berieselung kann man sich weniger wehren als gegen das herkömmliche Gedröhne. Wenn diese Art der Geräuschbeschallung zusammen mit der allgegenwärtigen optischen Beeinflussung sich im öffentlichen Raum durchsetzt, gehen weitere Rückzugsorte verloren. Selbst im Park.

Dieter Maier



Verein "Hörstadt" (Österreich)

In Österreich hat sich der Verein "Hörstadt" in der Vorweihnachtszeit des Jahres 2013 um den Lärmpegel in Wiener Geschäften gekümmert. Wie die "Tageszeitung" (14./15. Dezember 2013) berichtet, organisiert der Verein die Kampagne "Beschallungsfrei" und vergibt jährlich einen Preis für die "übelsten Zwangsbeschaller des Jahres". Auch in anderen Städten Österreichs beobachteten Vereinbsaktivisten mit Messgeräten das Weihnachtsgeschäft 2013.

Kontakt:
Hörstadt - Verein für Akustik, Raum und Gesellschaft
Niedermayrweg 7
4040 Linz
Österreich
Tel. +43 (0)732/78 13 24 30
office(at)hoerstadt.at



Lärm am Arbeitsplatz - Beispiel Amazon

Zitat einer Arbeiterin eines der Verteilzentren von Amazon (ohne Angabe des Ortes):

"Im vierten Quartal spielen die Chefs in Endlosschleife laute Musik in der Halle, um uns anzuspornen… Einmal haben sie uns während der Feiertage mit Hardrock zugedröhnt, damit wir schneller arbeiten. Es war so laut, dass ich Kopfschmerzen bekam, mein Herz raste. Als ich den Chef bat, leiser zu stellen, hat er mich ausgelacht, weil ich über fünfzig bin, und mit erklärt, das sei ein Unternehmen für junge Leute"

(aus: Die Versandfabrik - im Inneren von Amazon. Le monde diplomatique, dt. Ausgabe, November 2013). Der Artikel berichtet über die Arbeitsbedingungen bei Amazon, zu denen hoher Leistungsdruck, Zeitverträge und das Verbot gewerkschaftlicher Betätigung gehören.